Das war das "Kommen und Gehen" 2019!

Nach einer erfolgreichen Premiere 2018 ging das "Kommen und Gehen" - Das Sechsstädtebundfestival! im August 2019 in die zweite Runde. Um den 21. August - den historischen Gründungstag des Sechsstädtebundes im Jahr 1346 - gruppierten sich Veranstaltungen in allen sechs Städten und darüber hinaus. Vor dem Launch des Dokumentarfilms von Karine Bravo blicken wir zurück auf sommerlich-musikalische Tage und Begegnungen...

PRÄLUDIUM am 10. August: Licht - Klang - Raum.

Mit einer Installation und einem Konzert beteiligte sich das "Kommen und Gehen" - Das Sechsstädtebundfestival! noch vor seiner Eröffnung beim "Ring on Feier". Das Duo Hübner/Schönfelder, beheimatet in der Oberlausitz und musikalisch zuhause in Folk, Klassik und Filmmusik, lockte die abendlichen Flanierenden in die Weberkirche. Der 'GrenzgängerCellist' und der Filmmusikkomponist entführten die Zuhörer*innen in eine musikalische Welt großer Klangsphären und transzendentaler Momente – rhythmisch mitreißend, verspielt und experimentierfreudig in Komposition und Ausführung.

Vor der Baugewerkeschule weckte die multimediale Installation DIFFERENZBLICKE des sorbischen Künstlers Jan Bilk Neugier. Nach hereinbrechender Dunkelheit entzog sich die großflächige Metallkonstruktion mit dazwischen aufgespannten Tüchern den Blicken der Gäste, während Licht- und Laserprojektionen gemeinsam mit einem 5-Kanal-Surroundklang die gesamte Aktionsfläche meditativ umhüllten und zum Betreten der Installation, zum Verweilen, zum Entdecken von verschiedenen Blickwinkeln einluden.

Werden und Wirken der DIFFERENZBLICKE am 10. August 2019:

Zwei zur ERÖFFNUNG am 16. August
Konzert in der Klosterruine Oybin
und Gastspiel auf dem Fokus Festival

Der Oybin ist eine Wiege der Kulturgeschichte der Oberlausitz - und so begann die Festivalwoche mit Renaissance-Gesängen in neuem Gewand in der effektvoll illuminierten Klosterruine.

Der renommierte Chor "Cum decore" des F.-X.-Šalda-Gymnasiums in Liberec unter der Leitung von Mgr. Čeněk Svoboda ließ Vokalmusik erklingen, die während der letzten Blütejahren des 1369 von Kaiser Karl IV. gestifteten Klosters in Italien entstanden war. Welche Gesänge im 15. und 16. Jahrhundert in der gotischen Kirche zu hören waren, lässt sich heute nicht rekonstruieren - die vielstimmigen Sätze von Ludovico da Viadana, Tomás Luis de Victoria und anderen entführten das Publikum schnell in eine geheimnisvolle, versunkene Welt. Als sich nach und nach elektronische Klänge der Gegenwart ins Klangpanorama mischten, offenbarte sich auf erstaunliche Weise die Nähe von Renaissancemusik und Minimal Dub Music. Chris Fisher, Falk Schönfelder und Hans Narva setzen als Gregorian Dub Foundation sowohl Akzente als auch Kontrapunkte, die von einem ausdrucksstarken Lichtkonzept verstärkt wurden. Unter dem Klangbogen zwischen der Frühzeit der Kulturgeschichte der Oberlausitz und ganz gegenwärtigen Stilmitteln skizzierte das "Kommen und Gehen" - Das Sechsstädtebundfestival! die Ausdrucksmöglichkeiten mutiger, genreübergreifender Programmkonzeption.

In seinem noch jungen Dasein kooperierte das "Kommen und Gehen" nun bereits zum zweiten Mal mit dem Fokus Festival in Görlitz, was der Sängerin Kiki Bohemia und dem Instrumentalisten Tobias Vethake alias Sicker Man ein Konzert an einem ungewöhnlichen Ort ermöglichte: Auf dem Gelände der Rabryka in Görlitz sind für das mittlerweile wieder jährlich stattfindende Festival Bühnen neben alten Fabrikgebäuden aufgebaut, ein gut gelauntes und buntgemischtes Publikum bevölkert die alte Industrieanlagen. Diese Gegensätze passten gut zur Musik, die das "Kommen und Gehen" für das Showprogramm beisteuerte: Cellomusik, beeinflusst und erweitert durch den Einsatz elektronischer Elemente, ergänzt durch den klaren Gesang von Klara Wenzel, wie Kiki Bohemia mit bürgerlichem Namen heißt. Dabei waren die beiden Künstler*innen entwaffnend ehrlich und direkt - und zwischendurch auch mal laut und schmutzig wie eine alte Industrieanlage. Diese Musik passte nirgends so gut hin wie in die Rabryka, die als historisches Zeugnis vom Aufbruch der Oberlausitz als Industrieregion hin zu einem modernen, kulturell vielfältigen Lebensraum erzählt.

Kiki Bohemia und Sicker Man

UNTERWEGS am 18. August
Eine musikalische Ausfahrt entlang der Via Regia
und ein Konzert in Luban

Ein sonniger Sonntagnachmittag im August – wer kommt mit auf eine musikalische Ausfahrt?

Entlang der historischen Handelsstraße Via Regia ging es zu drei Schlössern, in denen wir jeweils sehr unterschiedliche Musik hören konnten.

Den Auftakt bestritten Carolina Eyck (Theremin, Stimme) und Konstantin Dupelius (Flügel) auf Schloss Gröditz mit besonders hochkarätigem Programm: Neben eigenen Kompositionen der beiden Musiker*innen durfte das Publikum der Uraufführung der „Toccata et Fuga ex aere“ des sorbischen Komponisten Jan Bilk beiwohnen. Dass dieses Konzert ganz im Zeichen der sorbischen Musik stand, zeigt die Aufführung weiterer Werke des Komponisten Bjarnat Krawc-Schneider durch Carolina Eyck, die selbst Sorbin ist.

Auf Schloss Königshain präsentierten Tobias Vethake und Kiki Bohemia erneut eigene Interpretationen und Kompositionen. Die teils elektronisch veränderten Celloklänge Vethakes und der Gesang Kiki Bohemias kreierten einen atmosphärischen Klangteppich, der das Publikum im vollbesetzten Konzertsaal des Schlosses restlos begeistert zurücklies. Kongenial wurde das Duo ergänzt durch Marta Uchmanowicz (Akkordeon), die hochvirtuos den experimentellen Klang auf seine klassischen Wurzeln in der romantischen Musik zurückführte.

Auf der letzten Station, dem Schloss Krobnitz, empfing ein internationales Ensemble aus Annette Rössel (Violine), Jerzy Owczarz (Piano) und Eduardo Mota (Schlagwerk), das mit seinem Programm Sommer in Buenos Aires beschwingt in den Sonntagnachmittag in der Oberlausitz entließ. Eine gelungene Kombination von Werken des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla mit solchen von Antonio Vivaldi, teils unter Einbeziehung des Publikums, zeigt die fruchtbare Präsenz des Internationalen im Dreiländereck Polen-Tschechien-Deutschland.

Das abwechselungsreiche Konzert im Miejsky Dom Kultury in Luban wurde vollständig in Bild und Ton aufgenommen. Beteiligt waren das Ensemble "Dziurawe Miechy", der Chor "Zlote nutki", Marta Uchmanowicz sowie Tobias Vethake, Kiki Bohemia, Carolina Eyck und Konstantin Dupelius.

Persönlichkeit und Widerstand im Sechsstädtebund II
Artistic Research (13.-17. August)
und Präsentation (19. August)

Nach einer ersten Produktion im Jahr 2018, während der sich Künstler*innen aus der Oberlausitz und Berlin mit der Gedenkstätte Bautzen als Erinnerungsort musikalisch und literarisch auseinandergesetzt hatten, erfuhr die Kooperation mit der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten 2019 eine Neuauflage. Beteiligt waren die tschechischen Sängerinnen Eva Vodickova und Barbora Bock, Konstantin Dupelius (Klavier/Elektronik), Alexander Göpfert (Kontrabass), Etienne Aweh (Tanz) und Renè Beder (Film).

Bis zur Veröffentlichung der filmischen Projektdokumentation mögen Zitate von Gästen der Präsentation einen Eindruck vom Projekt vermitteln.

K.K. "Die Veranstaltung war eindrucksvoll und entriss einen aus dem Alltag."

J.I. "Eine Spitzenleistung, ich bin tief beeindruckt, danke, dass ich das sehen, hören und fühlen konnte!!!! Selbst nach fast 24 Stunden bin ich immer noch ganz sehr beeindruckt von eurer Leistung gestern, ich habe heute sehr, sehr oft an gestern gedacht."

M.S. "Danke nochmal für die Einladung. Es war wirklich sehr bunt und auch überraschend. Ich finde, ihr habt eine ganz besondere Atmosphäre geschaffen. Und von ein paar Stücken konnte ich mich tragen lassen und sie einfach genießen."

S.H."Das war großes (Programm) Kino! Vielen Dank an euch. Nach der Show wollte ich mit niemandem sprechen, um das Gefühl nicht zu verlieren, welches ihr durch euer Gesamtkunstwerk hinterlassen habt. Es war so reich und bunt und kühl und warm zugleich. So K-Pop, Atari Teenage Riot, klassisch, elektronisch, still, laut, kitschig, ernsthaft zugleich. Danke!"

M.S. "Danke für die bewegende Performance, ihr habt eine intensive Atmosphäre erzeugt."

SORBISCH MODERN
mit Theremin und Tanz am 20. August in Kamenz

Was passiert, wenn eine international erfolgreiche Thereminkünstlerin, eine sorbische Volksmusikgruppe und ein tanzwilliges Publikum aufeinandertreffen?

Diesem Experiment stellte sich das "Kommen und Gehen" dieses Jahr im Kamenzer Rathaussaal: Carolina Eyck (Theremin) und die Gruppe Serbska Reja, die sich auch, aber nicht nur der traditionellen sorbischen Musik verschrieben hat, musizierten gemeinsam.

Das Konzert mit Eigenkompositionen Eycks und vielen Volksliedern mit und ohne Text wurde von den Künstler*innen selbst moderiert. Die tiefe Verbundenheit zum traditionellen Liedgut ihrer Heimat wurde durch die teils emotionalen Beiträge und Übersetzungen deutlich. Um das sorbische Kulturgut für das Publikum nicht nur hör- sondern auch körperlich erfahrbar zu machen, wurden zum Ende noch einige Tanzlieder hervorgeholt: Jung und Alt wurden auf die Tanzfläche gelotst und nach einigen schnell demonstrierten Tanzschritten folgten Paar- und Gruppentänze. Nachdem auf jeder Stirn der Schweiß stand und etliche Zugaben eingefordert worden waren, ging so manche*r Besucher*in mit einer neu erlernten Melodie auf den Lippen nach Hause.

Dieses Konzert war gleichzeitig die Premiere des "Kommen und Gehen" in der sechsten Stadt des historischen Sechsstädtebundes.

BAUHAUS in Form und Klang
Kammerkonzert am 21. August
zwischen Minimal Musicund Avantgarde

Ausgesuchte musikalische Unterhaltung boten die Akkordeonistin Susanne Stock und der Klarinettist Georg Wettin im von Bauhaus-Architekt Hans Scharoun entworfenen Haus Schminke in Löbau. Die Auswahl der Werke lag auf der Hand: Wo, wenn nicht hier, muss auch Bauhaus-Musik zu Gehör gebracht werden? Stock und Wettin überzeugten durch ihr eingespieltes musikalisches Zusammenspiel und durch die sensible Darbietung von Lyonel Feiningers Fugen. Feininger ist zu Unrecht stärker als Architekt und weniger für sein kompositorisches Schaffen bekannt, gelingt ihm doch eine eindrucksvolle und zugleich eigenständige Anlehnung an die Musik Johann Sebastian Bachs. Tradition und Moderne verknüpfte dann auch die zweite Konzerthälfte, in der Konstantin Dupelius (Klavier/Elektronik) und Jonas Urbat (Tuba) nach einer Solonummer das Duo zum Quartett ergänzten und zeigten, wie anspruchsvoll man mithilfe eines Synthesizers die Klassik aufmischen kann.

Zum Abschluss: PLATZ NEHMEN! am 24. August
auf dem Marktplatz Zittau vom Nachmittag bis zur Nacht

Zum fulminanten Finale fuhr das "Kommen und Gehen" nochmal bereits gehörte, dabei unerhörte Hochkaräter aus der vergangenen Festivalwoche auf und folgt der Einladung der Stadt, auf dem Marktplatz Zittau Platz zu nehmen. Gleichzeitig wurde diese Einladung an die Einwohnerschaft der Stadt Zittau ausgesprochen, stand der Abschluss der Hauptbewerbungsphase der Stadt als Europäische Kulturhauptstadt 2025 doch unmittelbar bevor.

Das vielfältige Programm demonstriert eindrücklich die Ambition des Festivals, anspruchsvolle Musik, neue Formate und Nähe zu den Zuhörer*innen in diesem besonderen Kulturraum zu kombinieren. Der Tag ist aufgebaut als Folge von Angeboten zum Hören, Sehen, Mitmachen, Mitdenken. Bekannte Festivalgrößen wie die Gregorian Dub Foundation gemeinsam mit dem Nachwuchsquartett the four.strings oder das polnische Jugend-Akkordeonensemble "Dziurawe Miechy" teilten sich die Bühne mit Neulingen, etwa dem blind mass orchestra – einem Zusammenschluss hoch motivierter Musiker*innen aus der deutsch-polnischen Grenzregion, aber auch Berlin und Kapstadt, der Musik aus für Alle sichtbar projizierten Handlungsaufforderungen spielt. Höhepunkt des Bühnenprogramms war ein Auftritt des Quintetts des STEGREIForchesters aus Berlin: Klassisch ausgebildete Musiker*innen ergründen in dieser preisgekrönten Formation ikonische Werke der Klassik und Romantik neu, indem sie sich von den Noten lösen und auf höchstem Profi-Niveau die Freude am Ausprobieren, Kommunizieren und Improvisieren gemeinsam mit dem Publikum neu entdecken.

Gesprächsformate luden außerdem ein, mitzudenken und sich einzubringen. Für das leibliche Wohl der Gäste war gesorgt und zum Abschluss verwandelte sich die beleuchtete Fassade des Zittauer Rathaus zur Kulisse für Freiluftkino – gezeigt wurde nach einem Liveauftritt der Filmband Elementarstrategien die "Die Sinfonie der Ungewissheit" (Neiße Film Festival 2019) von Claudia Lehmann.

Fotos: Karine Bravo, Raffael Sampedro, Nicolas Gubsch, Frank Rischer und Hannah | Texte: Hilke Viehöfer-Jürgens und Hanna Viehöfer-Jürgens

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